Gedanken eines ‚individuellen Anarchisten’ über Freiheit, Gott, die Natur und was im Menschen angesiedelt ist:

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„(…) Diese Freiheit, könnte man sagen, sie ist doch nur ein Traum! Indem wir uns frei dünken, gehorchen wir der ehernen Notwendigkeit der Natur. Die erhabensten Gedanken, die wir fassen, sind ja nur das Ergebnis der in uns blind waltenden Natur!

O, wir sollten doch endlich zugeben, dass ein Wesen, das sich selbst erkennt, nicht unfrei sein kann! (…) Die Naturdinge sind unfrei, weil sie die Gesetze nicht erkennen, weil sie, ohne von ihnen zu wissen, durch sie beherrscht werden. Wer sollte sie uns aufdrängen, da wir sie geistig durchdringen? Es bildet die Gesetzlichkeit zuerst in Ideale um, und gibt sich diese selbst zum Gesetze.

Wir sollten endlich zugeben, dass der Gott, den eine abgelebte Menschheit über den Wolken wähnt, in unserem Herzen, in unserem Geiste wohnt. Er hat sich in voller Selbstentäusserung ganz  in die Menschheit ausgegossen. Er hat für sich nichts zu wollen übrig behalten; denn er wollte ein Geschlecht, das frei über sich selbst waltet.

Er ist in der Welt aufgegangen. Der Menschen Wille ist sein Wille, der Menschen Ziele seine Ziele. Indem er den Menschen seine ganze Wesenheit eingepflanzt hat, hat er eine eigene Existenz aufgegeben.

Es gibt einen „Gott in der Geschichte“ nicht: er hat aufgehört zu sein um der Freiheit der Menschen willen, um der Göttlichkeit der Welt willen. Wir haben die höchste Potenz des Daseins in uns aufgenommen. Deswegen kann uns keine äussere Macht, können uns nur unsere eigenen Schöpfungen Befriedigung geben.

Alles Wehklagen über ein Dasein, das uns nicht befriedigt, über diese harte Welt, muss schwinden gegenüber dem Gedanken, dass uns keine Macht der Welt befriedigen könnte, wenn wir ihr nicht zuerst selbst jene Zauberkraft verleihen, durch die sie uns erhebt, erfreut. Brächte ein ausserweltlicher Gott uns alle Himmelsfreuden, und wir sollten sie so hinnehmen, wie sie ohne unser Zutun bereitet, wir müssten sie zurückweisen, denn sie wären die Freuden der Unfreiheit.

Wir haben keinen Anspruch darauf, dass uns von Mächten Befriedigung werde, die ausser uns sind. Der Glaube versprach uns eine Aussöhnung mit den Übeln dieser Welt, wie eine solche ein ausserweltlicher Gott herbeiführen sollte. Dieser Glaube ist im Verschwinden begriffen; er wird einst gar nicht mehr sein. Es wird aber die Zeit kommen, wo die Menschheit nicht mehr auf Erlösung von aussen hoffen wird, weil sie erkennen wird, dass sie sich selbst ihre Seeligkeit bereiten muss, wie sie sich selbst so tiefe Wunden geschlagen hat.

Die Menschheit ist die Lenkerin ihres eigenen Geschicks. Von dieser Erkenntnis können uns selbst die Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft nicht abbringen, denn sie sind die Erkenntnisse, die wir durch die Auffassung der Aussenseite der Dinge erlangen; während die Erkenntnis unserer Idealwelt auf dem Eindringen in die innere Tiefe der Sache beruht. (…)“

Auszug der Antwort von Dr. Rudolf Steiner auf das Schreiben ‚Die Natur und unsere Ideale’ der Dichterin M.E. delle Grazie, veröffentlicht im Juni 1886 in Wien.