Die Krise als Chance

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Diesen Titel gebe ich folgenden Ausführungen, die ich in Englischer Sprache verfasst habe für die Teilnehmenden eines Kurses, der bisher nicht stattfinden konnte aus Gründen, die wohl bekannt sind. Der Text ist das Ergebnis einer Reflektionsübung um die Früchte, die individuellen Errungenschaften und heilenden Erkenntnisse aus der gegenwärtigen Krise bewusst zu machen.

Bevor ich eine kurze Bilanz ziehe über meine inneren Errungenschaften abgerungen der gegenwärtige Krise, die wohl den grössten Teil unserer Welten ergriffen hat, will ich folgendes festhalten:

Zu keinem Zeitpunkt hatte ich Angst vor einer Ansteckung mit einem vermeintlich neuen Krankheitserreger. Wissenschaftlichen Grundlagen, die eine solche Angst hätten begründet können, waren schlicht zu keinem Zeitpunkt gegeben. Meine anthroposophisch geprägte Erkenntnis von Mensch, Leben und Schicksal gibt mir zudem eine andere Sicht auf Krankheiten und deren mutmassliche Erreger. Angst vor Ansteckung, Krankheit oder Tod musste also nicht überwunden werden.

Das gab mir bereits zu Anfang der verhängten Ausgangssperren eine innere Gelassenheit, die ich als sehr wohltuend empfand; fast ein bisschen erschreckend wohltuend. Ich bin ein langsamer Mensch und bin – als das öffentliche Leben lahmgelegt wurde – richtig zur Ruhe gekommen. Es war still in meinem Dorf und ich liebe die Stille. Ein innerer Friede kehrte ein. Ich sass auf meiner Terrasse oder ging in die Natur (diesbezügliche Verbote – wenn es sie damals gegeben haben sollte – kümmerten mich nicht), betrachtete die Natur, den Himmel (beides liebe ich), genoss die äussere Ruhe, die so mit meiner inneren korrespondierte und tauchte in mein Seelenerleben ein aus der u.a. folgende Herausforderungen an mich heran traten:

1) Ich will noch sparsamer werden; erst aufbrauchen was vorhanden ist, meine Einkäufe bündeln und nur einen kleinen Vorrat an Grundnahrungsmitteln anlegen, der mir erlauben würde einen Monat ohne weitere Einkäufe auszukommen.

2) Ich will hellhörig werden darauf was im normalen Alltagslärm wenig oder kein Gehör findet; das, was durch das Lahmlegen des öffentlichen Lebens in meinem Leben möglich wurde und mehr Zeit aufwenden um Themen meiner Interessen noch zu vertiefen.

3) Ich will noch tiefer in meine Seelengründe eintauchen und Reste meiner Wahrnehmung, meines Denkens, Fühlens und Wollens bezüglich Angst und Furcht ergründen.

Erstes wurde notwendig, da ich im März noch nicht absehen konnte, wie sich die Massnahmen unserer Regierung(en) auf meine bescheidenen Einkünfte auswirken würden. Meine ökonomische Situation zwang also auch mich meinen materiellen Bedarf zu überprüfen und vorausschauend einzuschränken. Ich durfte feststellen, dass in meinen Leben noch viel Sparpotential vorhanden war. Nur noch ein Mal pro Woche mit der Geldbörse aus dem Haus gehen, empfand ich als befreiend. Eine entsprechende Liste gab mir einen Überblick über meinen Vorrat. Nur noch notwendiges kam auf meine wöchentliche Einkaufsliste mit der Erfahrung, dass diese häufig erfreulich kurz war, und dies obwohl die Abstände zwischen den Einkäufen länger wurden. Weniger ist mehr! Auf dem Land beziehe ich Lebensmittel direkt von Bauern. Im Supermarkt bin ich zum ‚food safer’ geworden und kaufe ‚Rohmaterialien’ die vielseitig verwendbar sind. Ich koche einfacher, kreativer und gesünder jedoch nicht weniger lecker 🙂 Überschüssiges verteile ich an Menschen in meinem Umfeld, die dafür einen Bedarf haben. Mein Gabentischchen ist noch immer nicht leer 🙂

Zu nächsten Punkt habe ich bemerkt, dass Reisen in meine Seelengründe ebenso erfüllend sein können wie lange Spaziergänge an einem fernen Strand. Mehr noch, ich konnte meine Wanderungen in fernen Ländern vor meine Seele hinstellen. Sie erfreuen auch als Erinnerung meine Seele und erquickten meinen Geist 🙂 Mein vielfältigen Interessen erfahren eine neue Tiefgründlichkeit. Unendlichkeit wird zugänglicher und ich habe Zeit! Die ich manchmal bewusst leer lasse um dann wieder diszipliniert mit bewusst gewähltem Inhalte zu füllen 🙂

Auch beim Thema Angst erlebte ich Positives. Persönliche Ängste sind der Sorge über die Bereitschaft und Gewaltanwendung unserer Regierungen im Umgang mit uns Bürgerinnen und Bürger gewichen. Die Sorge um andere Menschen, weniger privilegiert als ich, nimmt zu. Und trotzdem erlebe ich Momente der innerer Ruhe (sogar Momente kleinen Glücks und Zufriedenheit) auch mit den Sorgen um unsere Gesellschaft. Existenzängste – für die ich für SchweizerInnen im Sozialversicherungsland Schweiz wenig Verständnis habe – sind kein Thema (mehr) und die Endlichkeit des Lebens empfinde ich verstärkt als Segen 🙂 Jedoch werde ich gegenwärtig immer mehr mit meiner Wut konfrontiert. Rage über das Ausgeliefertsein, ausgeliefert an Regierungen, die tun was sie wollen (mit wenigen Ausnahmen) jenseits jeglicher Vernunft. Ziviler Ungehorsam wird also wieder und zunehmend ein Thema und fordert auch meine Mutkräfte. Unbequem und doch von grösster Bedeutung in einer zunehmend entmenschlichten Welt.

Ich schliesse diesen kleinen Exkurs mit einem Gebet, das schon seit vielen Jahren Teil meiner Morgenmeditation ist:

Gott gebe mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann;

Die Gelassenheit zu akzeptieren, was ich (noch) nicht ändern kann und

Die Weisheit immer den Unterschied zu erkennen!