Angst oder nicht Angst; Meine Entscheidung!

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Es kommt vor, dass sich ein Tier (unten in der Nahrungskette stehend) seinem (darüberliegenden) Fressfeind entgegen wirft. Ein solcher Überraschungseffekt hat schon manchen Speiseplan durchkreuzt. Mut löst Aggression aus (eine weitere menschliche Empfindungsfähigkeit) und ist die Kraft, die sowohl Furcht als auch Angst überwindet. Versuchen Sie mal Mut und Angst gleichzeitig zu empfinden. Sie werden merke, dass das ich nicht möglich ist.

Bei Furcht stelle ich mich mutvoll der äußeren Bedrohung entgegen. Ebenso mutvoll kann ich meiner Angst innerlich begegnen. Furcht löst Flucht, Kampf oder Todstellen aus. Weil bei Angst keine unmittelbare Bedrohung besteht, nützt weder noch. Die Angst ist was bedroht! Durchschaue ich das, erkenne ich, dass mir die Angst nichts tun kann! Folgendes Mantram kann für die Überwindung der Angst hilfreich sein: „Meine Angst tut mir NICHTS!“ Sie ist ein Phantom. Wir können sie jedoch nutzen daran zu erstarken.

Zuerst muss ich meine eigenen Angstzeichen erkennen. Angst wird häufig über Beklemmung wahrgenommen. Wo spüre ich Beklemmung? Fühle ich mich unter Druck, verkrampft? Bin ich unruhig? habe ich Stress? Bin ich aggressiv? Sowohl mein Körper als auch die Menschen um mich herum können Aufschluss geben. Habe ich Kopfweh, Schwindel, Magen- oder Darmbeschwerden? Diese und andere Empfindungen können mich zu meiner Angst weisen. Es kann erlösend sein, solche Symptome einmal als Boten eigener Angst zu verstehen (statt als rein körperliches Leiden).

Da Angst über das Denken ausgelöst wird, gehen wir sie über das Denken an. Ich mache eine Gedankenreise zurück, bis ich merke, wann die Beklemmung zunimmt. Welcher Gedanke liegt dieser Beklemmung zugrunde? Statt nun in meiner Beklemmung zu erstarren, tue ich etwas was mir Erleichterung bringt, künstlerische oder körperliche Betätigung zum Beispiel. So beeinflusse ich meine Gefühlsebene über Körper oder Geist und schaffe Distanz zwischen mir und meiner Angst.

Nun gehe ich zum beklemmenden Gedanken zurück und merke, er hat bereits eine andere Qualität. Nun führe ich mein Denken zu Lösungen statt in vermeintlichen Bedrohungen zu verweilen (die vielleicht sowieso nie eintreten). Wird meine Angst nicht konkret sondern verweilt in Annahmen und Vermutungen, dann lasse ich diese ganz bewusst los und gehe in stärkendes Tun über.

Ein Beispiel: Wenn ich davor Angst habe, dass der Ausnahmezustand – der durch die ‚Corona’-Krise verhängt wurde – meine materielle Existenz zerstört, dann werde ich konkret. Was genau wird zerstört, mein Geschäft, mein Einkommen, mein Vermögen? Was habe ich noch? Was kann ich tun um was mir verbleibt zu schützen resp. wieder zu Neuem zu gelangen? Ich schreibe alles was mir in den Sinn kommt unzensuriert auf! So hole ich über konstruktives Denken meinen Handlungswillen in mein Leben.

Ich kann die Angst aber auch ganz bewusst zulassen in dem ich über das Denken arbeite und meinen Körper einbeziehe. Ich setze mich hin, mit den Fusssohlen fest am Boden verankert und achte ich auf meine Atmung während die Angst in mir aufsteigen darf. Ich tauche jedoch NICHT in das Gefühl der Angst ein! (Nur weil ich ein bestimmtes Gefühl habe, heißt nicht, dass ich darin baden muss!) Statt dessen konzentriere ich mich achtsam auf meine Tiefenatmung. Bei jedem Ausatmen lasse ich meine Angst etwas mehr los, bis ich merke, dass meine Angst an Intensität verliert. Sie muss nicht ganz weg sein. Ein abnehmendes Angstgefühl soll für’s erste genügen.

In die Konfrontation mit meiner Angst gehe ich idealerweise dann, wenn sie nicht (so stark) präsent ist.  Ich gebe meiner Angst Farbe und Form. Ich stelle sie mir also bildlich vor, vielleicht als eine große schwarze Wolke, ein großes Loch, eine Riesenwelle, ein Sturm – welches Bild auch immer aufsteigen will, ich lasse es zu oder wähle eines, das ich mit meiner Angst verbinden kann.

Ich lasse nun das gewählte Bild an mich herankommen und konzentriere mich dabei auf meine Atmung (s. oben)! Zuerst wird meine Angst zunehmen. Wenn ich das aushalten kann, merke ich irgendwann nicht nur wie ich das Bild meiner Angst immer besser ertragen kann; vielmehr erlebe ich nach einer Weile wie z.B. die dunkle Wolke vorbeizieht, lichter wird, kleiner wird, aufbricht; die Welle an mir vorbeirauscht – ohne mich zu zerschmettern. Ich konzentriere mich bis ich merke, dass meine Angst langsam abnimmt. Sie muss nicht ganz verschwinden. Es geht darum zu erleben, dass sie mir nichts tun kann!

Aus meiner persönlichen Erfahrung und der Begleitung anderer Menschen in ihre Angstkonfrontation weiß ich, dass manchmal ein solches Erlebnis genügt um der Angst nachhaltig ihre Bedrohung zu nehmen. Manchmal braucht es diszipliniertes Wiederholen. Und manchmal braucht es auch eine Begleitung (u.a. dann, wenn die Angst Gestalt annimmt: ein Mensch, ein Monster, ein Tier, eine dunkle Gestalt).

Wir sind alles unterschiedliche Menschentypen und darum zwickt uns die Angst ganz unterschiedlich. Entsprechend hat das Überwinden von Angst für verschiedene Menschenbefindlichkeiten unterschiedliche Dimensionen. Letztlich geht es aber immer darum der eigenen Angst zu begegnen statt versuchen sie künstlich ‚abzuschalten’. Denn manchmal weist unsere Angst auf eine darunter liegende, verborgene Empfindung. Dann wird die Konfrontation mit der Angst ein erster Schritt in einem etwas komplexeren Heilungsprozess. Das wäre dann ein Thema für die Zukunft.

Rudolf Steiner soll einmal folgende Bemerkung gemacht haben: „Angst ist verwandt mit der Bequemlichkeit, mit dem Hängen an Gewohntheiten.“