Über den Organismusbegriff

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Der Begriff Organismus wird in der Biologie, Medizin und Geisteswissenschaft sowohl für ein einzelnes Lebewesen als auch ein gesamtes gegen außen abtrennbares Zusammenspiel von Lebenseinheiten (Organen) bezeichnet. In einem solchen Verständnis ist ein Organismus ein individualisiertes Naturwesen (Pflanze, Tier, Mensch), welches als solches die Erscheinungen des Lebens, vor allem Stoffwechsel, Wachstum und Fortpflanzung, zeigt. (nach Anthrowiki)

Der verstorbene Geisteswissenschaftler und Begründer der modernen Anthroposophie Dr. Rudolf Steiner bezeichnet soziale Lebensformen als sozialen Organismus. Eine solche Verwendung ist heute jedoch durchaus kritisch zu betrachten, wurde doch in der Zeit nach Steiner der Begriff ‚Volksorganismus’ verwendet, mit der Absicht ein Volk gegen andere abzugrenzen. Neben diesen Abschottungs- und Ausgrenzungsabsichten erlaubt eine solche Verwendung nationalistischen Strömungen zudem die Bevölkerung (der individuelle Mensch) als ‚volksorganische Zellen’ dem Gesamtorganismus zu unterwerfen.

Eine solche Verwendung verleugnet aber komplett, dass ein Volk keine abgrenzbare Einheit sein kann (ungleich dem menschlichen, tierischen oder pflanzlichen Organismus, der durch eine (atmungsaktive) Haut von der Umwelt getrennt ist und eine Einheit bildet). Ungleich einem menschlichen Körper, der zwar wachsen kann, sich in seiner Gestalt aber nur unwesentlich unterscheidet (z.B. weibliche von männlichen Körpern), kann ein Volk seine Gestalt verändern. JägerInnen und SammlerInnen wurden sesshaft.

In der Sozialarbeit wird der alte Begriff des Gemeinwesens verwendet um ‚soziale Organismen’ zu benennen. Ein Gemeinwesen bezeichnet Organisationsformen des menschlichen Zusammenlebens, die über den Familienverband hinausgehen (z.B. eine Nachbarschaft, ein Quartier, ein Dorf, eine Stadt, eine Bioregion oder ein Land). Dieser Begriff macht durchaus eine Sichtweise möglich, dass eine Gemeinschaft etwas Wesenhaftes in sich trägt oder wie schon Aristoteles festgehalten hat, dass in der Summe (dem Gemeinwesen) mehr als nur das Total seiner Teile (Menschen) vorhanden ist.

Während Margaret Thatcher nur Männer und Frauen (und keine Gesellschaft) gelten lassen wollte – was ihrem neo-liberalen Menschenbild entsprechend den Abbau gesellschaftlicher Strukturen ermöglichte – anerkennt Aristoteles ein Surplus, Eigenheiten, die als ‚Summe’ (dem Zusammenspiel) der einzelnen Mitglieder (Teile) hervorgehen. In der Gemeinwesenentwicklung ist es darum wichtig, sich um ein Erfassen dieser Eigenheiten zu bemühen, wenn eine zukunftsfähige und somit nachhaltige Gestaltung angestrebt wird.